TAUCHPARADIES KROATIEN
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HMS CORIOLANUS

Fischtrawler oder Spionageschiff?

© Bild- und Text by Mag. Herwig Strauss

Es ist Samstag, der 5. Mai 1945, ein schöner, warmer Frühsommertag. Das englische Schiff HMS CORIOLANUS dampft in der oberen Adria vor der Westküste Istriens nach Norden. Auf der Brücke der Kommandant, Lt. N. Hunt. Der Krieg ist in diesem Teil Europas seit wenigen Tagen vorüber, in Italien wie in Jugoslawien geht es nunmehr darum, wer in das Machtvakuum nach der Beseitigung der faschistischen Herrschaft nachstoßen wird. In Jugoslawien haben sich die Partisanen unter ihrem Führer Josip Broz Tito bereits etabliert, und in Italien sind bewaffnete Versuche der Machtübernahme kommunistischer Freischärler bisher vereitelt worden. 

Das ist das Szenario, in dem HMS CORIOLANUS ihren letzten Einsatz fährt. HMS CORIOLANUS ist jedoch nicht das, was der äußere Anschein glauben macht: ein leicht bewaffneter Fischtrawler, von der Briten Anfang der vierziger Jahre in großen Stückzahlen gebaut, um die Fischversorgung der britischen Inseln und ihrer kämpfenden Truppen auf dem gesamten Erdball sicherzustellen. 

SHAKESPEARE-Klasse nannte die Admiralität diesen Schiffstyp, weil er Namen von Bühnenfiguren des berühmten Dramatikers trug. Coriolanus war ein römischer Patrizier, der, vom Senat verbannt, mit einem Heer des benachbarten Volkes der Volsker die Stadt Rom belagerte. Erst durch Bitten seiner Mutter ließ er sich davon abbringen. 

Der Name dieses römischen Helden ist wie ein Symbol, denn HMS CORIOLANUS ist eines der ersten sogenannten Fischerboote, die von allen am Kalten Krieg beteiligten Seiten in großer Zahl ausgerüstet und eingesetzt wurden, gespickt mit dem modernsten Stand der Abhörtechnik, um den jeweiligen Gegner auf elektronischem Wege auszuspionieren.

HMS CORIOLANUS war bereits mit Erfolg in zwei Operationen im Verlauf des II.Weltkrieges eingesetzt worden: Operation TORCH, die Landung der alliierten Truppen in Afrika 1942, und Operation HUSKY, die Invasion in Sizilien 1943. In beiden Fällen hatte das Schiff Kommunikations- und Verbindungsaufgaben wahrgenommen, bei der Landung in Afrika war es zur Sicherung der II. Landungsgruppe vor Oran eingesetzt; genaueres lässt sich bis heute nicht eruieren, die britischen Archive geben sich sehr verschlossen. Selbst auf den beiden einzigen Photos, die das Imperial War Museum besitzt, ist die Kennung des Schiffes am Bug wegretuschiert. 

Auch der konkrete Auftrag auf ihrer letzten Fahrt ist nicht restlos geklärt: Hatte HMS CORIOLANUS die jugoslawische Küste zu überwachen, den Funkverkehr der neuen Herren auf diesem Teil des Balkans abzuhören, oder war sie auf dem Weg nach Norden, wo sich die Situation um Triest unmittelbar nach dem Kriegsende zuspitzte? Italien wie Jugoslawien erhoben Anspruch auf die Hafenstadt, deren Bevölkerung selbst den Status eines Freistaates anstrebte.

Was auch immer die Aufgabe Lt. Hunts war, er kam nicht mehr dazu, seinen Auftrag mit HMS CORIOLANUS durchzuführen. Gegen 1400 Uhr zerriss eine gewaltige Explosion die Luft. Das Schiff war auf eine Mine gelaufen und sank innerhalb weniger Minuten ca. 6 Meilen vor Novigrad/Cittanova. Über Opfer liegen keine Daten vor, italienische Taucher wollen aber Anfang 1995 noch menschliche Überreste im Wrack gefunden haben. Als Ursache des Unterganges wurde zunächst ein Torpedotreffer kolportiert, die britischen Quellen sprechen jedoch ganz klar von einer Mine. Auch die Lage des Lecks nahe dem Schiffsboden lässt diese Version wahrscheinlicher erscheinen.

Die Untergangsstelle wurde später von der Volksrepublik Jugoslawien zum militärischen Sperrgebiet erklärt, und erst seit dem Spätsommer 1994 war es möglich, das Wrack zu betauchen. 

HMS CORIOLANUS wurde rasch zu einem Hauptanziehungspunkt in der oberen Adria, angefahren von Tauchbasen aus Slowenien und der nördlichen kroatischen Küste Istriens, aber auch von vielen Privatschiffen, denen die Position des Wracks bekannt ist. 

Inzwischen wurde von den kroatischen Behörden im Mai 1999 ein Tauchverbot verhängt, HMS CORIOLANUS zum nationalen kroatischen Kulturdenkmal erklärt. Ähnlich wie beim Wrack des „BARON GAUTSCH“ vor Rovinj werden wohl die lokalen Tauchbasen die gegen saftige Gebühren die Exklusivberechtigung zum Betauchen des Wracks erhalten. Die schönen Zeiten des freien Tauchens an dem Wrack sind jedenfalls vorbei.


Szenenwechsel - Novigrad, Kroatien, Anfang Juni 1995. 

Unser slowenischer Freund Lado kennt die Position des Wracks, hat es schon einige Male betaucht. Heute, fast auf den Tag genau 50 Jahre nach seinem Untergang, wollen wir uns gemeinsam das Wrack der HMS CORIOLANUS ansehen.

Es ist ein schönes, altes Holzschiff, das uns an die Position bringen soll. Außer uns ist eine Triestiner Tauchergruppe an Bord. Wir kennen uns schon lange. Elio, der Tauchlehrer, war auch schon an diesem Wrack: "In dem Leck haust ein großer Conger, ein Meeraal, und auf der Schraube wohnen Drachenköpfe, Skorpionfische, wie sie hier heißen! - War das nicht doch ein Torpedo, damals, vor 50 Jahren? Ach so, die Engländer sagen, eine Mine!" 

Wie im Flug vergeht die Zeit mit Erzählungen über dieses Wrack und über die vielen anderen, die es in der oberen Adria noch zu betauchen gibt. Viele Positionen sind den Fischern bekannt, die immer wieder Netze an diesen künstlichen Riffen verlieren, aber trotzdem ihre Nähe suchen, weil sie von den Fischschwärmen als Standplatz bevorzugt werden.

Nach einer Stunde Fahrt piepst das GPS, das Satelliten-Navigationsgerät, wir haben das Wrack erreicht. Eine kleine Boje kennzeichnet die Position. Meine Frau Madeleine, Lado und ich gehen als erste Gruppe ins Wasser, wir wollen Photos im ungetrübten Wasser machen. 

29 Meter tief ist der Meeresgrund, und aus 15 Metern Tiefe erkennen wir die Umrisse des Schiffes, darüber einen großen Schwarm von Meerbarben. Etwa 50 Meter ist das Wrack lang und 8 breit. Die Bojenleine ist am Vorschiff befestigt, ganz in der Nähe der beiden vorderen Maschinengewehrstände. 3 MGs hatte die SHAKESPEARE-Klasse, wenig genug für die Selbstverteidigung und für den Angriff gänzlich ungeeignet. Zu diesem Zweck dienten wohl die Wasserbomben, von denen sich noch einige in den Laderäumen finden. Munitionstrommeln liegen in den MG-Ständen, und überall sehen wir Reste alter Fischernetze. Jetzt hinunter an den Minentreffer, ein riesiges schwarzes Loch gähnt uns an der Backbordseite entgegen, Kalmargelege füllen das Loch beinahe vollständig aus. Wir leuchten nach oben in das Innere des Wracks. Diffus scheint das Tageslicht von oben durch; zum Hineintauchen erscheint  uns die Öffnung jedoch zu eng.

Am Schiffsrumpf entlang tauchen wir heckwärts, sehen die riesige Schraube, auf der tatsächlich 2 Drachenköpfe liegen. Links und rechts von den Bordwänden hängen Netze und wir müssen aufpassen, nirgends hängen zubleiben. Röhrenwürmer besiedeln die Netze, Kalmare düsen mit ihrem Rückstoßantrieb davon und Meerbarben kommen in großen Schwärmen vor.

Zum Austauchen gehen wir am Heck empor, sehen uns den Heck-MG-Stand an, und dann geht es über den Trümmerhaufen, der einst Schornstein und Aufbauten war, nach vorne zur Bojenleine, denn trotz der doch recht komfortablen Tiefe ist bereits Deko angesagt.

Zurück auf unserem Schiff genießen wir gegrillten Fisch, den der Kapitän während unseres Tauchganges zubereitet hat. Bald ist auch die zweite Tauchergruppe wieder an Bord, und nach einer zweistündigen Ruhepause bereiten wir uns für den zweiten Tauchgang vor.

Diesmal wollen wir die Aufbauten untersuchen oder das, was davon noch übrig ist. Der Rumpf des Wracks ist bis auf das Minenleck zwar noch intakt, aber die Explosion muss sich nach oben entladen und einen Großteil der Aufbauten mittschiffs weggerissen haben. Der Schornstein liegt quer über dem Wrack. Sein Inneres dient als Brutstätte für Pakete von Tintenfisch-Eiern. Trotzdem bleibt noch genug Platz, damit Madeleine durchtauchen kann. Diese Aufnahmen sind als historisch zu betrachten, bei einem Tauchgang kurz vor Verhängung des Tauchverbotes im Mai 1999 war der Schornstein in sich zusammengestürzt und nur mehr eine Doppellage verrostetes Blech.

Lado zeigt uns die Reste der Brücke mit dem Steuerrad mit Messingnabe und dem Maschinentelegraphen. Auch diese Photos sind nicht mehr wiederholbar, bereits 2 Wochen nach dem Tauchgang war das Steuerrad verschwunden. Gerüchten zufolge ziert es heute eine Wand in Triest. Etwas weiter achtern dann ein Laderaum. Wir leuchten hinein, erkennen nur einige Fässer. 

Wir tauchen an den achteren Aufbauten entlang zu einer großen Winsch, versuchen immer wieder einen Blick ins Innere der Aufbauten zu erhaschen. Eine Ladeluke erregt unsere Neugier. Tatsächlich, sie lässt sich öffnen. 

Wenn das ein Spionageschiff war, müsste man doch noch etwas von den Antennen oder im Schiffsinneren von den elektronischen Geräten erkennen können. Die Röhrengeräte der vierziger Jahre waren ja unübersehbare Kästen. 

Wir leuchten ins Innere des Laderaumes. Aber wir sehen nichts, der Schiffsbauch ist weitgehend leer, die jugoslawische Marine hat wohl die vergangenen 50 Jahre genutzt und reinen Tisch gemacht. Nur die leere Schiffshülle ist zurückgeblieben und dient nun als Lebensraum für eine Vielzahl der unterschiedlichsten Meereslebewesen.

Wir tauchen weiter nach vorne, die Gänge sind wieder außen mit Netzen verhängt, in denen sich Mollusken und Krustentiere angesiedelt haben. Zwei Niedergänge finden wir, die in den Bauch des Wracks führen, doch beim ersten Flossenschlag ist die Sicht weg; ohne Führungsleine ist es hier zu gefährlich, ins Innere zu gehen, außerdem wird es da drin schon sehr eng! So bezähmen wir für heute unsere Neugier und genießen das Wrack von außen. Ob HMS CORIOLANUS nun ein Spionageschiff war oder nicht, können wir auch nach dem zweiten Tauchgang nicht mit Sicherheit beurteilen. 

Aber das tut dem taucherischen Reiz dieses Wracks keinerlei Abbruch. Die riesigen Fischschwärme, die Conger und der Bewuchs an Mollusken, nicht zu vergessen die vielen Lebewesen im Makro-Bereich, die dieses Wrack bevölkern, machen es für uns zu einem der lohnendsten Tauchziele in der oberen Adria. 

Herwig Strauss - Villach